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Tiefere Bedeutung unseres Schulnamens - Richard Willstätter und sein Vermächtnis

Bild von Richard Willstätter

Richard Willstätter wurde am 13. August 1872 in Karlsruhe geboren. Die Übersiedelung seiner Familie nach Nürnberg führte ihn als Schüler zunächst ans Melanchthon-Gymnasium am Egidienberg. Er wurde also in jenem Gebäude unterrichtet, das heute als sogenannter Melanchthonbau Teil unserer Schule ist. Allerdings bereitete ihm dort der Anschluss in Latein gewisse Schwierigkeiten, und man nahm an, er werde sich weniger für eine wissenschaftliche Laufbahn als für den kaufmännischen Beruf eignen. Deshalb wurde er 1884 am sechsklassigen Realgymnasium, das damals noch im Bauhof sein Unterrichtsräume hatte, angemeldet. Hier hatte er ausgezeichnete Erfolge und verließ diese Schule 1890 mit einem hervorragend bestandenen Abitur.

Die Aufnahme ins Maximilianeum, die er aufgrund seiner Leistungen verdient gehabt hätte, wurde ihm wegen seines jüdischen Glaubens vorenthalten. An der Universität München begann er das Studium der Chemie bei Adolf von Baeyer, dem Nachfolger des berühmten Justus von Liebig. Er habilitierte sich schließlich, und in den Jahren von 1905 bis1912 hatte er die Professur für allgemeine und analytische Chemie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich inne.

Seinem großen Ansehen als Wissenschaftler verdankte er die Berufung als Direktor an das neu gegründete Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in Berlin-Dahlem, wo ausschließlich Forschungsarbeit zu leisten war. Aus der Reihe der zahllosen Ehrungen für Willstätter ragt der Nobelpreis heraus, den er 1915 erhielt. Ein Jahr später kehrte er dorthin zurück, wo er seine akademische Laufbahn begonnen hatte und wo er sich auch der Lehre widmen konnte: 1916 übernahm er den bedeutenden Lehrstuhl für Chemie an der Universität München, gleichsam als "Enkel" Justus von Liebigs. Trotz schwieriger äußerer Bedingungen, hervorgerufen durch Krieg, Revolution und Inflation, erzielte Willstätter bahnbrechende wissenschaftliche Erfolge. In den zwanziger Jahren bildete sich um ihn ein Forscherkreis, dem sehr erfolgreiche Wissenschaftler angehörten, die sogenannte Willstättersche Schule. 1924 wurde Willstätter in das Ordenskapitel des "Pour-le-merite" aufgenommen. Schon ein Jahr später gab er jedoch unter dem Eindruck antisemitischer Strömungen sein Ordinariat an der Universität auf. Er setzte zwar seine wissenschaftliche Arbeiten in München zunächst fort, emigrierte aber angesichts der Verschärfung der Judenverfolgung im März 1939 in die Schweiz. Am 3. August 1942 erlag er in Muralto, seinem letzten Wohnsitz, einem Herzleiden.

Im Großen "Brockhaus" von 1957 sind die wissenschaftlichen Leistungen Willstätters folgendermaßen zusammengefasst:
"W. erforschte vor allem die pflanzl. Alkaloide, die Atropine und Cocaine, deren Synthese ihm gelang, später die Chinone als Basis von Farbstoffen. Bekannt wurde Willstätter durch seine Arbeiten über Chlorophylle und pflanzl. und tier. Pigmentstoffe; für diese erhielt er 1915 den Nobelpreis für Chemie. Später widmete er sich der Erforschung der Enzyme."

 

Warum ,,Willstätter-Gymnasium"?

Es war eine glanzvolle Feier damals, am 12. November 1965, in der das gute, alte, traditionsreiche Nürnberger Realgymnasium, ein Jahr nach seinem hundertjährigen Jubiläum, einen neuen Namen erhielt. Die Bezeichnung ,,Realgymnasium" wurde nämlich bundesweit abgeschafft. In seiner Begrüßungsrede äußerte sich der damalige Schulleiter, Oberstudiendirektor Dr. Georg-Karl Bauer, zur Wahl des Namenspatrons mitfolgenden Worten:

"Wenn wir schon auf den vertrauten, traditionsreichen Namen verzichten mussten, die Tradition selbst wollten wir bewahren und im neuen Namen verankern. Es sollte also nicht irgendein großer Name gewählt werden, etwa im Zusammenhang mit dem Bildungsgut, das wir wie alle anderen Gymnasien vermitteln. Wir wollten auch nicht die Annalen der Stadt nach glanzvollen Namen durchforschen, sofern ihre Träger nicht in persönlicher Beziehung zum Realgymnasium standen. Wir beschränkten uns bewusst auf die Geschichte unserer Schule. Wenn dabei das Votum des Kollegiums sogleich und einhellig auf Richard Willstätter fiel, so ging es zuvörderst von der Überlegung aus, dass wenige Schulen in der Bundesrepublik einen Nobelpreisträger aus den eigenen Reihen als Namenspatron wählen können. Zum zweiten: Nicht alle bedeutenden Männer haben ihrer Schule und ihren Erziehern ein freundliches Gedenken bewahrt. Richard Willstätter hat in seinen Lebenserinnerungen dem Realgymnasium Worte höchsten Lobes gewidmet"...

Der junge Richard Willstätter hatte seinerzeit im Realgymnasium eine Schule gefunden, an die er in seinen Lebenserinnerungen außerordentlich gern zurückdenkt und die seine Persönlichkeit stark geprägt haben muss: ,,Die Lehrer erwarteten von mir die gute Leistung. Sie waren so freundlich, ich hatte sie sehr gern und war ihnen dankbar ... Unter den Lehrern des Realgymnasiums gab es hervorragende Persönlichkeiten. Nur vereinzelten im Lehren gleich tüchtigen Kräften bin ich an den Hochschulen begegnet... Der Geschichtsunterricht von Prof. Bischoff war lebendiger freier Vortrag. Auch im Deutschen war er für einige Klassen ein origineller, anregender Lehrer ... Der eigenartigste Lehrer war der Rektor August Daumiller, der in den beiden Oberklassen Latein unterrichtete; seine Gelehrtentätigkeit war vielseitig ...  An einigen Abenden führte er uns aufs freie Feld und erklärte uns den Abendhimmel.

In das Horazheft bekamen wir ein reizvolles Kunterbunt einzutragen: die Eisenbahnstationen von Budapest nach Konstantinopel, eine neue Übertragung der Ode an Lalage, Neuerwerbungen der Schmetterlingssammlung, das Lied Als wir jüngst in Regensburg waren"...und vieles andere, was wissenswert war. Leider wusste der Rektor nicht, sich Respekt zu verschaffen, und bei seinem reichlichen Verbrauch an Schnupftabak gab er sich Blößen. Man benahm sich schlecht gegen den grundgütigen, sogar großmütig Mann; wir hielten ihn wenigstens für alt, er war es nicht. Er war Junggeselle und vernachlässigte sein Äußeres."

Richard Willstätter verbrachte also am Realgymnasium abwechslungsreiche, sehr anregende Schultage, wie er sie in ihrer Lebendigkeit - wenn auch nicht hinsichtlich der oben genannten schrulligen Details - auch heutzutage an ,,seiner" Schule wieder könnte. Ein mahnender Auftrag an die Schule, gerade an die Schule der Gegenwart, verbirgt sich jedoch hinter den launigen Feststellungen Willstätters: ,,Auf den bayerischen Schulen gewöhnte man sich an Arbeit und lernte, viel zu arbeiten." Oder: "Es entstand Wetteifer und Befriedigung in der Anspannung." Dies verstand er als hohes Lob für seine Schule.

Ablehnung des ,,Schubladendenkens" und stattdessen geistiges Arbeiten im interdisziplinären Raum, gegenwärtig ein hochfavorisiertes und auch am Willstätter-Gymnasium aufmerksam beachtetes didaktisches Prinzip, war eines der auffallendsten Merkmale von Willstätters Forschertätigkeit.

Das Interesse des Chemikers galt stets vor allem den Grenzbereichen zu anderen, verwandten Wissenschaften, wie zum Beispiel der Biologie, der Pharmazie und auch der Medizin. Willstätter gelte sich keineswegs etwa in der Fluchtburg der wissenschaftlichen Theorie ein, sondern suchte - über den engeren Bereich seines Faches hinaus - den Kontakt zum praktischen Leben. Nicht von ungefähr war er einige Jahre geschäftsführendes Mitglied im Aufsichtsrat der pharmazeutischen Firma ,,Sandoz A.G." in Nürnberg. ...

Als dezidiert weltoffene Schule folgt das Willstätter-Gymnasium heute den Vorgaben seines Namensgebers und wird sich auch weiterhin bemühen, sich des großen Namens würdig zu erweisen.

 


(von Hans Wachter, StD a.D., Auszug aus dem Jahresbericht 1998/99)