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Peter Pan

nach James Matthew Barrie

Willstätter-Gymnasium Nürnberg
Unterstufentheatergruppe, Leitung: Marcus Gangloff

Die Themen Kindheit und Alter, Gut und Böse, Tod und Leben, das Wesen der Fantasie bestimmen J. M. Barries „Peter Pan“. Sein „Nimmerland“ ist ein Gegenentwurf zur Welt der Erwachsenen und dieser dennoch in vielen Aspekten ähnlich, entspringt diese Welt doch der Fantasie von Kindern, die ihre Sozialisation in der Wirklichkeit durchlebt haben.

Wie die Spielerinnen und Spieler aus der Unterstufe des Willstätter-Gymnasiums in Nürnberg unter der Leitung von Marcus Gangloff das Unterhachinger Festival-Publikum um 9.00 Uhr morgens verzaubern und in ihren Bann ziehen konnten, das hat natürlich bestimmte Gründe, die in der folgenden Rezension untersucht werden sollen.

Ohne Wikipedia geht ja heute gar nichts mehr und deshalb schauen wir mal nach, was da auf der Bühne passiert ist. Tatsächlich liefert unser allseits geliebtes Online-Helferlein eine wunderbare Definition dessen, um was es eigentlich geht: Es ist „eine Form der darstellenden Kunst, die es versteht, durch künstlerische Kommunikation (verbal und non-verbal) und unter Verwendung verschiedener Techniken und Methoden Illusionen in den Köpfen der Betrachter und Gefühle in den Herzen der Menschen auszulösen. Dabei ist die Vorführung an keine spezielle Räumlichkeit oder Situation gebunden. Je bereitwilliger der Betrachter ist, sich verzaubern zu lassen, desto größer kann die Illusion in seiner Vorstellung entstehen.“

Das Geschehen auf der Bühne „dient zur Unterhaltung eines Publikums. Die meisten Zuschauer wissen, dass die gezeigten Effekte durch Anwendungen verschiedener Techniken erreicht werden. Das Publikum setzt sich entweder gerne dem Reiz aus, sich vom ... [K]ünstler verzaubern zu lassen, oder es hat Freude daran, über die Methoden zu rätseln. Der Reiz einer Darbietung liegt neben der Faszination über eine Illusion vor allem in der Inszenierung und deren Unterhaltungswert.“

Wer von den geneigten Lesern nach sehr genauer Lektüre des Zitats nun glaubt, dass der Autor dieser Rezension vielleicht eine gewisse Vorliebe für Schelmereien hegt, dem ist nur beizupflichten. Was gerade als scheinbare Definition des Theatergeschehens vorgestellt wurde, findet sich auf Wikipedia unter einem gänzlich anderen Stichwort, und dieses lautet:

„ZAUBEREI“.

Damit sind wir beim Schlüsselwort angelangt: Es geht um Verzauberung und Illusion. Denn zunächst einmal bietet die Gruppe dem Zuschauer nichts an: kein Requisit, einheitlich schwarze Kostüme, eine leere, ebenfalls schwarz abgehängte Bühne. Musik kommt als Playback, der Einsatz eines Mikrofons erzielt akustische Verfremdungseffekte.

Der erste Gedanke: Bleibt alles in Schwarz, wird man als Zuschauer nicht abgelenkt und kann seiner Fantasie freien Lauf lassen. Aha!

Der zweite Gedanke: Diese Leere hat aber auch gar nichts mit Fantasie zu tun. Peter Pan in Schwarz? Geht nicht!

Schlussfolgerung: Könnte schwierig werden!

Die berühmte Schreibmaschinennummer von Jerry Lewis bildet den Einstieg. Die 11 Protagonisten schreiben sich die Finger wund, herrlich unperfekt und dennoch einheitlich in der zunehmenden Erschöpfung, die allmählich um sich greift. Diese deutlich sichtbare, quälende Ermattung schafft erste emotionale Kontakte zwischen Publikum und Spielern. Hier wird grundgelegt, warum die schon bald im Mittelpunkt stehende Frage „Wer spielt Peter Pan?“ nicht nur die Beteiligten auf der Bühne betrifft, sondern „Alle!“, wie gleich darauf als
Lösung des Problems verkündet wird.

Peter Pan, das einzige Kind, das niemals erwachsen wird, steht von nun an im Zentrum des Spiels. Nach einer Passage mit eher erwachsen wirkenden Worten, folgt ein Pas de deux, in dem miteinander und gegeneinander gekämpft, verführt und gespielt wird. Die tänzerischen Fähigkeiten der beiden Solistinnen können beeindrucken, der dramaturgische Sinn des relativ langen Zwischenspiels erschließt sich nicht zwingend. Trotzdem schaut man weiterhin gerne zu, als sich in dauerndem Wechsel von Solo- und Gruppenspiel allmählich die Handlung der Peter-Pan-Geschichte deutlicher mitvollziehen lässt.

Während sich auf der Bühne die Teams von Kapitän Hook und Peters „Lost Boys“ kämpfend gegenüberstehen, es dem bösen Hook beinahe gelingt Peter zu vergiften und nur der selbstlose Einsatz der Elfe Tinkerbell ihn retten kann, blickt man immer wieder gespannt und fasziniert auf die immer noch weitgehend schwarze Bühne, auf der sich aber zunehmend oft die Bilder spiegeln, die durch den Einsatz von Zeitlupe, Geräuschen, Playback, kluger Choreographie und nicht zuletzt von hingebungsvollem personalen Spiel im Inneren der Betrachter entstehen. Es gelingt durch den Einsatz dieser „Zaubermittel“, aus dem Nichts eine Illusion zu erzeugen. Das liegt an der Virtuosität in der Handhabung derselben, und zwar nicht nur durch die bravourös agierende Gruppe, sondern auch durch die dramaturgische Arbeit der Spielleitung, die genau weiß, was sie tut, wenn sie einzelne Effekte, Gags oder Pausen setzt, das Tempo innerhalb der Bilder und in der Kombination der Einzelszenen geschickt variiert und die fließenden Rollenwechsel flüssig und niemals störend inszeniert.

Nachdem Tinkerbell, nicht zuletzt durch den vehement von der Bühne aus  geforderten und schließlich auch geleisteten Einsatz des Publikums, gerettet worden ist, kommt es schließlich zum Zweikampf zwischen Peter und Hook, während dem das nahende Krokodil den Kapitän zu der Erkenntnis bringt: „Meine Zeit ist abgelaufen!“ „Er ist alt – allein – erledigt“, antwortet der Chor der Spieler.

Die Suche nach den magischen Mitteln sei nun erneut aufgegriffen. Nach anfänglicher Vorsicht und kleineren Unsicherheiten wird dem Zuschauer ein sehr selbstbewusstes Spiel gezeigt, das angesichts des geringen Alters der Spieler und Spielerinnen doch überraschend ist. Selten sieht man bei Unterstufengruppen solch konzentrierte Leistungen: Alle setzen sich
voll ein und bewältigen die teilweise schwierig zu sprechenden Texte sehr sicher, Rollenwechsel und Übergänge von Einzelrolle zu Gruppe und umgekehrt verlaufen flüssig.

Und nicht zuletzt: Es entsteht Authentizität selbst in kurzen Szenen, weil alle Spieler alle Rollen annehmen und glaubhaft verwirklichen. Nur so kann Illusion Wirklichkeit werden, nur so funktioniert Zauberei! Die Segelschiffe, die Planke, das Krokodil – alles ist live auf der Bühne zu sehen ohne anwesend zu sein.
Ein ausnehmend geglücktes Theater-Projekt.
Zauberei eben.

Von selbst wird keine Gruppe ein solches Leistungsniveau erreichen. Dazu gehört eine bedächtige und reflektierte Spielleitung, gerade im Umgang mit Unterstufenschülern. Wenn man, wie Theater-Lehrer Marcus Gangloff in der Stückbesprechung verrät, als Motto und Grundregel der Gruppe ausgibt: „Lass deinen Partner auf der Bühne gut aussehen!“, dann ist die Chance groß, sich das Publikum zum Gefährten zu machen, gleich an welchem Ort und in welchem Raum, und dort ins Nichts die Fantasie zu zaubern. Auch die der Erwachsenen.


Rudi Stangl

(nachzulesen auf: http://theatertage-bayern.de/?p=13586 )