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Ein Schuljahr in Mississippi, von Patrick Bopp, 10. Klasse

Ich sitze gerade im Flugzeug und befinde mich irgendwo zwischen meinem neuen Zuhause in Meridian, Mississippi, in den USA und meinem altem Zuhause in Nürnberg. Ich weiß nicht wirklich, wo ich hingehöre. Obwohl ich mit der Lufthansa fliege, unterhalte ich mich mit den Stewardessen auf Englisch, im Moment fällt es mir leichter, weil ich schon etwa nach einem halben Jahr in den USA angefangen habe auf Englisch zu denken. Es war ein sehr eindrucksvolles Jahr. Trotz der immer stärker amerikanisierten Gesellschaft in Deutschland habe ich in den USA viele Sachen gesehen, die ich so noch nie in Deutschland gesehen habe und wahrscheinlich auch nie sehen werde.

Ich habe zehn Monate mit der Familie McDonald in Meridian im Bundesstaat Mississippi gelebt. Dort bin ich zur Southeast Lauderdale High School gegangen. Das Schulsystem ist komplett anders als in Deutschland. Man geht bis zur 4. Klasse in die Elementary School, danach bis zur 8. Klasse in die Middle School und bis zur 12. Klasse in die High School. Die Schüler werden nicht nach Noten in verschiedene Schularten aufgeteilt, wie das bei uns der Fall ist. Man ist auch nicht in typischen Schulklassen wie ich das aus Deutschland gewöhnt war; man geht stattdessen je nach eigenem Bedürfnis in verschiedene Kurse, die komplett unabhängig von den anderen Schülern in der gleichen Jahrgangsstufe gewählt werden. Dazu muss man noch vor Beginn des Schuljahres in das Sekretariat der Schule gehen. Dort wird mit Hilfe einer Sekretärin ein individueller Stundenplan angefertigt. Man muss jedoch einige Pflichtklassen besuchen. Mathe muss beispielsweise von jedem Schüler genommen werden. Man wird dann jedoch, abhängig von der persönlichen Begabung, im jeweiligem Fach in einen schwereren, bzw. einen leichteren Kurs geschickt. Man wählt insgesamt acht Kurse, die werden dann aufs gesamte Jahr aufgeteilt. Man besucht während des erstem Halbjahres vier Kurse und im nächstem Halbjahr die anderen vier. Man hat jeden Tag die gleichen Kurse in der gleichen Reihenfolge, jeder Kurs dauert 1,5 Stunden.

Neben Mathe, Bio und Chemie werden auch Klassen wie Football oder Band angeboten. Es ist wichtig an solch einer Aktivität teilzunehmen, weil man dort die meisten Freunde findet, da man ja sonst nicht in einer Klasse ist, sondern jede Stunde mit anderen Schülern in einem Kurs sitzt. Ich bin Mitglied in der Band geworden und habe dort auch meine Freunde kennen gelernt. Ich habe Xylophon gespielt. Im ersten Halbjahr ist Football Season. In dieser Zeit spielt die Footballmannschaft jeden Freitag gegen eine andere Schule. Jedes zweite Spiel findet auswärts statt. Diese Spiele sind total wichtig für die Schule, da sie durch den Eintritt viel Geld verdienen kann. Natürlich ist das Ziel am Ende State Champion zu werden. In diesem Halbjahr begleitet die Band das Football-Team um es während des Spiels musikalisch zu unterstützen. Das ist die aufregendste Zeit des Jahres. Während der Halbzeit führt die Band die „half time show“ vor. Das ist eine jeden Tag trainierte Show, während der die „band students“ gleichzeitig spielen und marschieren. Es ist vor allem aufregend, wenn man zu anderen Schulen geht, die teilweise einige Autostunden entfernt sind.

Das zweite Halbjahr ist um einiges ruhiger, da es keine Footballspiele gibt. Für die Band ist es die „conecert season“. Man lernt anspruchsvollere Stücke und spielt auf einigen Konzerten. Der Höhepunkt ist die „State Competition“. Dafür fährt die Band extra nach Jackson, der Hauptstadt von Mississippi, um dort vor einer mehrköpfigen Jury vier Stücke vorzuspielen, welche man Monate lang im Voraus intensiv und stundenlang trainiert hat. Leider hat es unsere Band in diesem Jahr nicht zum State Champion geschafft, aber dafür schon einige Male in den vergangenen Jahren.

Allgemein ist die High School sehr spannend und bietet vieles, was ich in Deutschland vermissen werde. Vom Unterricht ist sie jedoch nicht mit dem Gymnasium zu vergleichen. Als Austauschschüler muss man sich absolut keine Sorgen machen, beim Stoff nicht mitzukommen. Auch in der Englischklasse hat ein durchschnittlicher Schüler aus Deutschland nichts zu befürchten. In der Regel haben alle Austauschschüler, die in den USA zur High School gehen immer sehr gute Noten. Die Spanischklasse ist eigentlich überflüssig, da die Schule noch nicht einmal eine Spanisch sprechende Lehrkraft hatte: Da war es auch nicht verwunderlich, dass meine Mitschüler das Wort „hola“ in ihrem zweitem Lehrjahr nicht buchstabieren konnten.

Das Niveau ist nicht der einzige Unterschied zum Gymnasium. Jeder Schüler trägt Schuluniform. Das heißt eine beige Hose und ein blaues, rotes oder weißes Polo-Shirt (also die Farben der US-Fahne). Wenn man die ganze Woche pünktlich und komplett anwesend war, darf man am Freitag Jeans tragen. Die Schule fängt um 8 Uhr an. In der ersten Unterrichtsstunde wartet die Klasse, bis die Direktorin ihre Ansprache durch die Lautsprecher hält. Diese kann mehrere Minuten dauern, da jedem Schüler, der Geburtstag hat, gratuliert wird, außerdem werden die Ergebnisse der Schul-Teams verkündet. Danach muss jeder aufstehen, die rechte Hand aufs Hertz legen, die US-Fahne (die in jedem Klassenzimmer hängt) anschauen und den das Gelöbnis aufs Vaterland (pledge) aufsagen. Die Austauschschüler mussten das natürlich nicht machen. Im Anschluss wurde noch über Lautsprecher gebetet (obwohl es eine öffentliche Schule ist und keine kirchliche).

Aber nicht nur die Schule ist anders als in Deutschland. Auf den ersten Blick kommen einem die Leute modern vor. Alle sind mit den neuesten elektronischen Geräten ausgestattet und selbst die Oma verwaltet ihren Facebook-Account über das Smartphone. Aber wenn man genauer hinschaut sieht man wie altmodisch die Ansichten der Menschen sind. Recycling und Stromsparen sind in Mississippi Fremdwörter und was erneuerbare Energien sind, weiß dort auch niemand. Aber das sind nicht die einzigen Unterschiede. Die Menschen haben eine sehr genaue Vorstellung davon, wie eine Familie auszusehen hat. Man muss selbstverständlich verheiratet sein, dann darf man auch Kinder bekommen und zwar reichlich. Deshalb fangen die meisten schon sehr früh an. Sehr viele heiraten schon mit 18 und haben ihr erstes Kind mit 20. Alles was zu stark von dieser Norm abweicht, wird nur schwer von der Gesellschaft akzeptiert. Das liegt mit Sicherheit auch daran, dass 98% der Menschen am Mittwoch einmal und am Sonntag zwei Mal in die Kirche gehen, und zwar in jeder Altersklasse. Man muss jedoch dazu sagen, dass ich im außergewöhnlich konservativen Süden der USA gelebt habe und dies nicht auf das ganze Land zutrifft. Anfangs war es für mich ungewohnt, aber da meine Familie wahrscheinlich die liberalste Familie im ganzen Umkreis war, konnte ich mich gut und schnell an diese Umstellung gewöhnen.

Es ist fast unmöglich sich in den USA ohne Auto zu Recht zu finden. Es gibt praktisch kein öffentliches Nahverkehrsnetz. Dadurch war ich sehr von meinem Gastbruder abhängig, der mit 16 schon Auto fahren durfte. Es ist Austauschschülern generell verboten Auto zu fahren, da sie nicht versichert sind. Glücklicherweise war mein Bruder mit denselben Personen befreundet wie ich, somit stellte dies kein Problem dar.

In der Freizeit trifft man sich normalerweise in der Mall, da dies der einzige Ort ist, wo man essen, einkaufen und ins Kino gehen kann. Leider ist Meridian sehr gefährlich, weshalb man außerhalb der Mall und einigen Restaurants in der Stadt nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr auf der Straße laufen sollte. Deshalb trifft man sich meistens bei den Freunden zu Hause. Manchmal ging das den Eltern auf die Nerven, aber viele meiner Freunde wohnten in so großen Häusern, dass man den Eltern so wie so kaum begegnet ist.

Der „American way of life“ unterscheidet sich doch sehr stark von unserem Alltag. Es ist schwer zu sagen, was mir persönlich besser gefällt, aber eine Sache ist sicher: Ich hatte ein fantastisches Jahr. Dies wäre ohne meine Eltern nicht möglich gewesen, die mich von Anfang an unterstützt haben und auf die ich die ganze Zeit zählen konnte. Ich hatte auch wahnsinnig viel Glück mit meiner Gastfamilie, die mich wie ihren eigenen Sohn aufgenommen hat; Glück mit meinen Gastgeschwistern, mit denen ich mich sehr gut verstanden habe. Aber auch meine Freunde haben eine essentielle Rolle gespielt. Es gab nichts, was ich in diesem Schuljahr hätte anders machen wollen oder mir anders gewünscht hätte. 

Ich empfehle jedem, so ein Austauschjahr zu machen. Der Gedanke, ein Jahr von zu Hause weg zu fahren, ist natürlich zunächst beängstigend, aber ein Jahr vergeht schneller, als man denkt und es ist echt aufregend sein Zuhause zu verlassen um ein anderes zu finden.


oben rechts: Patrick