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Ein Jahr etwas völlig Anderes - Lisa in Costa Rica

Am 18.August am Flughafen Nürnberg
Unsere neu gestrichene Küche - Deby, Lisa und Doro aus Wien
Mein Lieblingskind Pedro
Ashly und Ich
Kinder der Casa Abierta

...Die ersten Schritte in eine andere Welt. Mir strömt feuchte, warme Luft entgegen. Meine Reise, mein Abenteuer kann beginnen. Nach einem tränenreichen, emotionalen und wunderschönen Abschied von Familie und Freunden stehe ich müde von der langen Reise am Flughafen in San Jose. Das ist es nun, mein neues zu Hause auf Zeit.

Ich weiß nicht was mich erwartet, was ich erlebe, wie und ob ich  mich verändern werde, aber ich habe das Gefühl, dass dieses Jahr besonderes wird.

Nun gilt es erst einmal unseren Mentor Andreas Teltscher zwischen all diesen Menschen, die uns ein Taxi aufschwatzen wollen, ausfindig zu machen.
Nach kurzer Zeit sitzen wir zu fünft und mit sechs riesigen Koffern in einem viel zu kleinen Auto, das bereits 480.000 Kilometer auf dem Tacho hat und nicht Mal im Traum einen deutschen TÜV bestehen würde. Ich sitze auf dem Schoß meiner zukünftigen Mitbewohnerin Ramona und habe zusätzlich noch einen meiner Koffer auf dem Schoß.

Die Fahrt zu unserem neuen Zuhause gibt uns schon einen guten Einblick in das oft chaotische lateinamerikanische Leben. Das Auto klappert, der Fahrer missachtet jede rote Ampel und braust   über die buckligen Straßen durch die Stadt . Wir werden ziemlich durchgeschüttelt und versuchen all die neuen Eindrücke, die uns wie Riesenwellen überrollen, zu verarbeiten.

Erschöpft, aber mit einem Bauchkribbeln der Vorfreude auf dieses Jahr komme ich nach kurzer Fahrt an unserem zukünftigen Haus in San Sebastián an.
Dort werden wir herzlich von unseren Vorgängern, den Freiwilligen des letzten Jahrganges empfangen und tauschen noch einige Erfahrungen aus.
Obwohl ich erschöpft bin vom langen Flug, lasse ich es mir nicht nehmen noch in der selben Nacht meine Koffer auszuräumen und mein neues Reich etwas wohnlicher zu gestalten.

Mein Zuhause auf Zeit liegt im Süden San Joses im Stadtteil San Sebastián.
Das Viertel ist dem unteren Mittelstand zu zuordnen und es gibt die ein oder andere gefährliche Straße, die wir nachts meiden. Bis jetzt ist glücklicherweise noch keinem von uns Mädels etwas passiert, keine wurde überfallen. Wir hoffen dass das so bleibt, verhalten uns vorsichtig und nehmen weiterhin nachts ein Taxi.

Es ist ein älteres, zweistöckiges Haus, das zur Hälfte von der Kirche genutzt wird und in dem sonntags die Messe stattfindet.

Wir bewohnen hauptsächlich den hinteren Teil des Hauses.
Im Erdgeschoss befindet sich unsere Küche die nach einigen ausgedehnten Putzorgien und einem neuen Farbanstrich echt schön geworden ist.
Im ersten Stock haben wir ein Bad und insgesamt vier Zimmer zur Verfügung, von denen jede von uns Mädels eines bewohnt.

Ich habe ein sehr schönes Zimmer, das ich mir mit vielen Fotos und Erinnerungen aus der Heimat  gemütlich eingerichtet habe. So hat es nur wenige Tage gedauert bis ich mich heimisch gefühlt habe.

Außerdem haben wir hinter dem Haus noch einen kleinen Hinterhof (span.: Patio) in dem wir unsere Wäsche waschen und trocknen und das ein oder andere Stündchen in der Hängematte verweilen.

Der Ort in dem sich jedoch der Hauptteil unseres WG-Lebens abspielt ist wohl die Küche.

Hier sitzen wir nach der Arbeit oft bis spät in die Nacht zusammen und kochen, unterhalten uns oder schauen uns gemeinsam Filme an.
Da wir insgesamt zehn Freiwillige sind, die bei der ILCO (Iglesia Luterana Costariciense, zu deutsch Lutherische Kirche Costa Ricas) in verschiedenen Projekten arbeiten wird, es dann des öfteren ziemlich eng in unserer Küche. Es ist immer sehr witzig und interessant Erfahrungen auszutauschen und einen ganzen Abend nur deutsch zu sprechen.

Immer häufiger sind auch Ticos (dt.: Einwohner Costa Ricas) dabei und so wird sich dann doch auf Spanisch unterhalten.

Ich bin wirklich froh und zugegeben auch ein bisschen stolz, dass sich mein Spanisch schon so gut entwickelt hat, dass ich alles verstehe und  mich fließend unterhalten kann.

Da ihr euch jetzt schon ein Bild von meinen Wohnverhältnissen machen konntet, komme ich nun zu meiner Arbeitsstelle.

Ich arbeite drei Tage die Woche in einer Kindertagesstätte mit dem Namen Casa Abierta (dt.: Offenes Haus). Einen weiteren Tag bin ich für die Bibliothek in der Hauptstelle der ILCO zuständig und betreue dort den Bücherverleih.
Die Casa Abierta befindet sich in Tejarcillos, einer sehr armen Gegend San Joses mit hohem Migrantenanteil. Ein Großteil der Menschen dort ist arbeitslos, das Bildungsniveau ist niedrig und durch die finanziellen Probleme gibt es auch eine hohe Kriminalitätsrate.

Wir betreuen dort Kinder von 4 Monaten bis 11 Jahren. Es sind größtenteils Kinder  von alleinerziehenden, ganztags arbeitenden Müttern die sonst sich selbst überlassen wären.

Die meisten kommen aus Familien die finanziell schwer eingeschränkt und oft auch andere soziale Probleme haben. In manchen Familien spielt aber leider auch Alkohol- und Drogenmissbrauch eine Rolle.

Ein Tag in der Casa Abierta beginnt um 8:45Uhr, wenn uns unser persönlicher Taxifahrer Gustavo abholt und uns nach Tejarcillos bringt. Der Weg zur Casa wäre auch mit dem Bus zu bewältigen, seit zwei Jahren werden die Freiwilligen jedoch mit dem Taxi hingebracht, da es im vergangenen  Jahr leider mehrere Raubüberfälle gab.

So kommen wir um 9 Uhr, oft auch etwas später,  in der Casa an und werden mit lautem Geschrei von einer Horde fröhlicher, wilder Kinder stürmisch begrüsst.

Die ersten Stunden, die Casa öffnet bereits um 6Uhr morgens, werden die Kinder von Doña Tere und Doña Marta betreut.

Nach und nach werden immer mehr Kinder von ihren Müttern oder anderen Familienmitgliedern gebracht und die Casa füllt sich.

Um 10Uhr gibt es Obst und leider müssen wir oft feststellen, dass viele der Kinder von zu Hause nur Essen aus der Konservendose oder von der Imbissbude gewohnt sind.

Wir singen  mit ihnen ein Dankgebet und  eine von uns versucht die Früchte gerecht unter ihnen aufzuteilen.

In der Zeit danach spielen wir mit den Kindern. Die Mädchen basteln und malen sehr gerne und die Jungs würden am liebsten den ganzen Tag  herumtoben und Fussball spielen.

Wenn es das Wetter zulässt und die Sonne nicht so sehr vom Himmel sticht, gehen wir mit der ganzen Bande oft nach draussen und sind froh wenn sie dort ihre schier unerschöpflichen Energiequellen auspowern und danach ruhig am Mittagstisch sitzen.

Um 12Uhr gibt dann Mittagessen, das sowohl von uns als auch von den Kindern meist sehnlichst erwartet wird. Die Grundlage des Essens bildet immer Reis, schwarze Bohnen, Kochbananen und Salat. Dazu gibt es abwechselnd Wurst, Hühnchen oder Fisch. Dank Doña Marta schmeckt es so gut, dass die Töpfe immer leer sind  und wir so satt unseren Mittagsschlaf machen können.
Vorher werden jedoch Zähne geputzt, was oft zur ein oder anderen Diskussion führt, da es die Kinder nicht für nötig halten oder schlicht und ergreifend keine Lust haben.

Danach werden die Matratzen und Kissen auf dem Boden verteilt und es kommt zur nächsten Reiberei, da es zu wenige Matratzen für zu viele Kinder (etwa 10-15 Kinder) gibt.

Da die Alterspanne sehr groß ist, ist es meist unmachbar alle Kinder dazu zu bringen, sich hinzulegen und still zu sein. Die jüngsten Kinder (4 und 6 Monate) bekommen ihre Flasche und werden in den Schlaf geschaukelt. Die Ältesten (11 Jahre)  lesen ein Buch oder unterhalten sich und  halten dadurch oft die Kleineren vom schlafen ab. Meist kümmert sich die Eine von uns Freiwilligen darum, dass die Kinder nicht herumrennen und sich einigermaßen still verhalten.
Die Andere hilft beim Geschirrwaschen und bringt die Casa wieder in einen ordentlichen Zustand, der meist nur kurz anhält, zumindest jedoch bis nach der Mittagspause.

Um 14Uhr müssen einige der größeren Kinder zur Schule gebracht werden.
Dies übernimmt oftmals Doña Marta für uns, da wir auf dem Weg durch das Viertel schon einige Male angepöbelt wurden und das sehr unangenehme Situationen für uns waren.

Wenn es nicht anders geht, bringen wir die Kinder dorthin und werden dann jedoch ständig von auf der Strasse herumlungernden Jugendlichen angemacht. Auch wenn wir das oft vergessen, sind wir alleine schon durch unser Äußeres eine Rarität und für viele sehr interessant.

Nach fünf Monaten Costa Rica könnten wir drei eine Vielzahl von Anmachsprüchen aufzählen, die wir oft zu hören bekommen. Manche Sprüche, die im Deutschen viel zu kitschig und abgebrüht klingen würden, sind  im Spanischen jedoch sehr charmant.

Die restlichen zwei Stunden machen wir mit den Kindern Hausaufgaben oder geben Englisch- und Computerunterricht. Auch das läuft mitunter chaotisch ab, da sich die Kinder schwer konzentrieren können. Meist macht es ihnen jedoch große Freude neue Wörter zu lernen, da der Englischunterricht an der Schule ziemlich unzureichend ist und daher auch nur sehr wenige Ticos gutes Englisch sprechen.

Der Computerkurs beschränkt sich darauf, dass die Kinder der Reihe nach einige Wörter tippen und davon meist schon hellauf begeistert sind. Keines besitzt einen PC und daher ist es umso wichtiger die Kinder spielend an den Umgang zu gewöhnen, damit sie es später einmal leichter haben.

Immer wieder gibt es Momente in denen ich mich frage, ob und wenn ja, was wir mit unserer Arbeit  bewegen.  Auch wenn wir nur ein Jahr in der Casa Abierta arbeiten, können wir wenigstens einen kleinen Beitrag leisten. Es würde mich schon glücklich und ein bisschen stolz machen, wenn nach einem Jahr Englischunterricht wenigstens ein paar der Kinder ein paar wenige Wörter mehr könnten.

Oder wenn der vierjährige Pedro, mein Lieblingskind, endlich gelernt hat, alleine die Toilette zu benutzen und sich nicht mehrmals am Tag in die Hose pinkelt.

Costa Rica - ein Traumland

Impressionen aus Cahuita


Im Garten des Dt. Botschafters

Neben all der Arbeit will ich natürlich auch so viel wie möglich von dem Land Costa Rica kennenlernen. Oftmals verreisen wir an den Wochenenden, da alles in wenigen Stunden per Bus zu erreichen ist. Ich war bereits an einigen Orten an der Karibikküste. Unter anderem in Cahuita und  Puerto Viejo, die beide echte Traumstrände wie aus dem Bilderbuch zu bieten haben und zum Sonnenbaden einladen.

Ich bin immer wieder fasziniert und völlig begeistert wie facettenreich die Tier- und Pflanzenwelt dieses Landes doch ist.

Anfang November hatte ich die Gelegenheit mit meiner Mitbewohnerin Debora das Nachbarland Nicaragua kennezulernen. Da wir noch kein Visum bekommen hatten und bereits die erlaubten 90Tage im Land waren mussten wir für 3 Tage ausreisen und statteten unseren MEW-Mitfreiwilligen (MEW= Mission EineWelt) einen Besuch ab. Nach zehnstündiger Fahrt kamen wir in Managua, der Haupststadt Nicaraguas an und wurden herzlichst von Thomas und Christoph aufgenommen. Wir blieben drei Tage und haben uns auch Granada angesehen, eine Kolonialstadt die mich sehr an Havanna erinnerte.

Ich freue mich sehr darauf in den nächsten Monaten weitere Teile des Landes kennenzulernen und auch die Nachbarländer ausgiebig zu bereisen.

Damit möchte ich jetzt auch schließen. Der Rundbrief ist leider doch sehr textlastig geworden, was auch damit zusammenhängt, dass ich so spät schreibe. Der nächste kommt schneller und kürzer, hoffe ich.

Vielen Dank noch an meine Spender, welche mir eine tolle Möglichkeit bieten, eine andere Welt kennen zu lernen, mich selbst zu entwickeln und in diesem Land ein wenig zu helfen.

Wenn auch etwas verspätet, wünsche ich Euch allen einen guten Start ins neue Jahr, in dem wir uns alle wiedersehen.

Mit lieben Grüssen,

Lisa Rückel