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Ernesto Cardenal - ein Leben als Dichter, Priester und Revolutionär

Mitte März hatten einige Schüler der Spanischklassen des Willstätter-Gymnasiums das Glück, einen der ganz großen Dichter Lateinamerikas, den inzwischen 87-jährigen Ernesto Cardenal aus Nicaragua, bei einer Dichterlesung persönlich erleben zu können.
Ernesto Cardenal, 1925 als Sohn einer reichen Familie in Granada/ Nicaragua geboren, ist katholischer Priester und gilt als einer der bedeutendsten Dichter Lateinamerikas. Sein Lebenslauf spiegelt den Kampf gerade mittelamerikanischer Länder (auch als Hinterhof der Vereinigten Staaten bezeichnet) um Unabhängigkeit und soziale Gerechtigkeit wider.
Nach dem Literaturstudium in Mexiko und New York trat Cardenal 1957 in ein Kloster in den USA ein, wo sein Buch "Vida en el amor" (Das Buch von der Liebe, 1959) entstand. In den sechziger Jahren studierte er Theologie in Mexiko und Kolumbien, und wurde 1965 in Managua zum katholischen Priester geweiht. In dieser Zeit entstand sein berühmtestes Werk, die "Psalmen“ (1969), die zu den wichtigsten Werken lateinamerikanischer Dichtung gehören und die literarische Grundlage für die „Befreiungstheologie“ bilden: Cardenal klagt in ihnen die Entmenschlichung der Gesellschaft an.
Auf der nicaraguanischen Inselgruppe Solentiname in der Nähe der Nürnberger Partnerstadt San Carlos gründete Cardenal eine christlich geprägte Lebensgemeinschaft. Der Ort wurde dank Cardenals Aufzeichnungen zur „Theologie der Befreiung“ weltberühmt.
Cardenal, der sich der Sandinistischen Befreiungsfront angeschlossen hatte,  die 1979 der jahrzehntelangen Diktatur des Somoza-Clans in Nicaragua ein Ende bereitete, wurde deren erster Kulturminister und hatte das Amt bis 1987 inne.
Im Jahr 1980 erhielt der nicaraguanische Dichter den Friedenspreis des deutschen Buchhandels.

 

Lesung mit Ernesto Cardenal in Nürnberg

Am Freitag, den 16. März 2012 brachen etliche Freiwillige der Spanisch-Kurse aus der zehnten und elften Jahrgangsstufe gegen 11.15 zusammen mit den Lehrkräften Frau Hübner und Frau Päßler auf, um  sich - anstatt zu dieser Uhrzeit normalerweise geplanten sportlichen Betätigungen oder der Biologie - der nicaraguanischen Literatur zu widmen.
Einer Einladung des Hans-Sachs-Gymnasiums zu einer besonderen poetischen Vorlesung in spanischer Sprache folgend, durften sich Schüler und Lehrer auf den berühmten und international anerkannten Dichter Ernesto Cardenal  freuen.
Obwohl über 300 Zuschauer verschiedener Gymnasien aus der Umgebung gekommen waren, kehrte sofort Ruhe in der Turnhalle ein, als ein etwas gebückter 87-jähriger Mann die Stufen zur Bühne hinauf schritt. Gefolgt wurde er von seinem Übersetzer Lutz Kliche. Gebannt und konzentriert wurde zuerst der deutschen Version der Gedichte und dann dem spanischen Vortrag von Ernesto Cardenal gelauscht. Nebenher brachte der Übersetzer nicht nur die Biografie des Poeten, Politikers und Priesters, sondern auch die Hintergründe der Gedichte mit ein. Beindruckend waren vor allem die Gefühle Ernestos, die er mit seinen Gedichten deutlich spürbar machte. Er las bewegend und aufwühlend seine Werke über Gott, das Universum, die Evolution, aber auch aktuelle politische Themen. Darunter waren „Gebet für  Marilyn Monroe“, Texte aus dem „Buch der Liebe“  und dem „Cántico Cósmico“ („Wir sind Sternenstaub“). Seine Worte gingen wie eine Ampulle direkt in die Venen, hörte man genau auf das, was er sagte. Mit seiner Poesie lud er dazu ein, über die genannten Themen nachzudenken und sich der Problematik zu beschäftigen.  In einem Gedicht über das Handy beklagt er beispielsweise die Ignoranz der Menschen, die sich den Zusammenhang zwischen dem Handy-Boom und den Krieg um Rohstoffe des Kongo nicht bewusst machen. Ernesto Cardenal freute sich, anschließend Fragen des interessierten Publikums  beantworten zu dürfen. Diese drehten sich z.B. um die Evolution, menschliche Freiheit und Cardenals Haltung als „christlicher Marxist“. Begeisterter Applaus und eine glückliche Danksagung der Organisatoren beendeten den gelungenen Vortrag.

Adriana Kleuser, Q11