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„Was war, soll nicht wieder sein!“

Am Freitag, den 31. Oktober 2008, besuchten alle 9.Klassen ein Zeitzeugengespräch mit Herrn Rosenfeld in der Landauer Kapelle. Aufgeteilt auf zweimal zwei Schulstunden erzählte der rüstige Herr von seiner Kindheit in Franken, bis die menschenverachtende Politik der Nationalsozialisten ihn dann über Umwege zum Weltbürger machten, der außer Tibet und der Mongolei bereits alle Länder der Erde bereist hat- wie er den staunenden Schüler auf mehrere Nachfragen versicherte.

Begrüßt wurde Herr Rosenfeld zu Beginn seines Vortrage durch Schulleiter Dr. Steuer, der sich freute, einen der letzten Zeitzeugen in der Schule begrüßen zu dürfen, der den Schülern die Möglichkeit bietet, Geschichte nicht aus Büchern, sondern von direkt Beteiligten zu erfahren- eine wesentliche Erfahrung für diese! Verbunden mit seinem Dank für die Anreise aus Amerika war der Wunsch nach noch möglichst vielen Gelegenheiten für Herrn Rosenfeld, aus seinem historisch so interessanten Leben zu berichten.

Herr Rosenfeld begann nach dieser Begrüßung voller Schwung und mit überzeugend fester und lauter Stimme seine Schilderungen, nicht ohne vorher darauf hinzuweisen, dass Fragen nicht nur erwünscht seien, sondern ausdrücklich eingefordert würden, was mancher stummer Schüler im Frageteil dann auch erleben konnte, er wurde von Herrn Rosenfeld aufgerufen und um Fragen gebeten.

Seine ersten Erfahrungen mit Judenverfolgungen machte er als Erstklässler in Schopfloch bei Feuchtwangen. In der Schule durfte er als Jude teilweise nicht am Unterricht im Klassenzimmer teilnehmen. Der Sechsjährige musste vor der Türe dem Unterricht folgen. In den Pausen wurde er oft gehänselt und verprügelt; an Gegenwehr war angesichts der Drohungen bezüglich der Folgen eines solchen Verhaltens nie zu denken. Er erlebte, wie die Schikanen und damit die Angst im Verlauf der Jahre immer mehr zunahmen: jüdische Ärzte erhielten keine Lizenzen, vor jüdischen Geschäften schüchterten SS-Männer deutsche Käufer als Volksverräter ein oder es wurden Krankenbehandlungen schlicht verweigert. Die Freiheit wurde während der Hitlerherrschaft durch subtile Maßnahmen immer mehr eingeschränkt, die Angst immer größer.

Für die Familie Rosenfeld war die Entwicklung nach 1933 in Deutschland nicht vorhersehbar. Sie waren nach seiner Aussage zuerst Deutsche, dann Deutsche und dann wieder Deutsche, zufällig mit der jüdischen Religion. Trotz aller Warnungen hofften sie lange auf ein Nachlassen der Hetztiraden, Schikanen und eine Beruhigung der Situation. Hitler suchte ihrer Meinung nach einen Sündenbock in einer wirtschaftlich schlechten Zeit. „Nimm eine Minderheit und schieb ihr alles in die Schuhe! Dies können die Juden, aber auch die Radfahrer sein!“ , so Herr Rosenfeld. Als Rosenfelds Eltern aber 1937 vor der Alternative Sterilisation oder Auswanderung standen, wählten sie die Flucht nach Argentinien, denn dafür konnten sie eine Aufenthaltsgenehmigung durch Vermittlung eines Verwandten erhalten

Für ihn war nach der Auswanderung über Argentinien in die USA alles Deutsche tabu; egal, ob deutsche Sprache oder deutsche Waren. Alles, was deutsch war, existierte nicht mehr! Obwohl auch Hans Rosenfeld in seiner Familie, wie fast alle jüdischen Familien, Todesopfer des Naziregimes betrauern musste, änderte sich seine negative Einstellung gegenüber Deutschland nach 23 Jahren. Anlass war die Begegnung auf einer Rheinfahrt zusammen mit seiner Frau mit einem deutschen Kapitän. Er erkannte, dass die Nazigräuel nicht einem Volk, sondern nur einzelnen Menschen angelastet werden können. Er sah jetzt auch, dass es während der Nazi-Zeit viele Deutsche gegeben hatte, die unter Lebensgefahr den jüdischen Verfolgten halfen.

Heute fühlt sich Hans Rosenfeld nach seinen Besuchen in fast allen Staaten der Erde als Weltbürger. Er sieht Grenzen nur als willkürliche Striche auf Landkarten. Alle Länder haben seiner Meinung nach etwas Positives; nur einzelne Menschen sind falsch; voller Hass und Neid und nutzen sie die Religion zum Ausbau der Macht und zur Verfolgung ihrer eigenen politischen Ziele. Durch die Verfolgung von Minderheiten versuchen sie Aufmerksamkeit zu erreichen, persönliche Defizite auszugleichen und Machtgefühle zu befriedigen.

"Ihr seid nicht schuld an Vorkommnissen in der Vergangenheit. Ihr habt aber die Verantwortung für die Gegenwart."

Diese Erkenntnis will Herr Rosenfeld den Schülern vermitteln, dafür nimmt er Jahr für Jahr die Strapazen und Kosten seiner Reise über den Ozean in Kauf.

„Die Menschen dürfen nicht nebeneinander leben, sie müssen miteinander leben!“

Diese Aussage ist ihm aber genauso wichtig, denn neben der Vermittlung der Geschehnisse der Vergangenheit ist ihm der Bezug zur Gegenwart, wo er viel Hass und Missgunst zwischen den Menschen sieht, dabei auch deutliche Worte gegen die Regierung Bush findet, den Wandel in Amerika - inzwischen Realität geworden- herbeisehnt.

Mit vielen Fragen zu seinem Leben, die von ihm ehrlich beantwortet wurden, auch wenn sie sich neugierig auf die vier Ehefrauen bezogen, die er im Laufe seines langen Leben schon hatte, wurde die interessanten eineinhalb Stunden beendet und die Schüler wie anwesenden Lehrer dankten dem Zeitzeugen durch Applaus.