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Um Haaresbreite - immer wieder!

Zeitzeuge Herr Dumont du Voitel
Herr Dumont du Voitel mit der stellvertretenden Schulleiterin Frau Vogel

Der Zeitzeuge Rudolf Dumont du Voitel, der erst kürzlich seinen 93. Geburtstag hier in Nürnberg feiern konnte, erzählte in der Klasse 9b zwei spannende Schulstunden lang aus seinem Leben und rundete damit Unterrichtseinheiten in Deutsch zu dem Heimkehrerdrama „Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert und zur Geschichte des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit eindrucksvoll ab.

Als Herr Rudolf Dumont du Voitel so in sich ruhend vor den vielen erwartungsvollen Schülern der Klasse 9b des Willstätter-Gymnasiums-Nürnberg steht, kann man gar nicht glauben, dass der 93-jährige schon viele Momente der Angst durchleben musste. Über eine Stunde erzählt er mit seiner klaren, deutlichen, nur vom Alter leicht gefärbten Stimme von seinen Erlebnissen. Er bleibt dabei aufrecht stehen, lässt den Blick über die Schüler gleiten, nimmt nicht einmal einen Schluck Wasser zu sich. Offensichtlich macht ihm diese Arbeit Freude. Die Bilder, in denen er erzählt, lassen auch seine Zuhörer bald das Klassenzimmer um sie herum vergessen und in eine andere Zeit eintauchen.

Die Machtergreifung Hitlers erlebt er im Alter von 17 Jahren in allgemeiner Begeisterung. Freude über die Befreiung aus dem Versailler Vertrag blendet. Auch sein völlig unpolitischer Vater, ein Ingenieur, sieht Hitler zunächst als eine neue Chance für Deutschland.

Drei Jahre lang findet Herr Dumont du Voitel Gefallen an der Hitler Jugend (HJ). Sie ist für alle deutschen Jugendlichen selbstverständlich, eine schöne Pflicht. Die Warnungen seines Lehrers, einem Regimegegner und engagiert in der Widerstandsbewegung Frankens, bewegen ihn aber schon 1936 zum Austritt. Ihm ist er bis heute dankbar, dem Staat Hitlers dann kritischer gegenüber gestanden zu haben.

Seine spätere Frau, eine Genferin, lernt er 1938 kennen. Mit 16 Jahren ist die hübsche junge Dame aus dem französischen Teil der Schweiz zu Besuch in Nürnberg, um ihre Deutschkenntnisse zu verbessern. Die Liebe auf den ersten Blick wird ein ganzes Leben halten, und schon mitten im Krieg, als Offizier verpflichtet, verlobt er sich im Jahr 1941 mit seiner großen Liebe. Für die Vermählung waren dann allerdings zahllose Schwierigkeiten zu überwinden, ehe 1942 schließlich Hochzeit gefeiert werden konnte.

Gespannt lauscht die Klasse und fragt sich, wie Herr Dumont du Voitel es schaffen will, die obligatorische Genehmigung Hitlers für die Heirat einer „rassefremden“ und zudem dem Nationalsozialismus bekanntermaßen nicht eben aufgeschlossen gegenüberstehenden Genferin zu bekommen. Doch das Glück bringt einen einsichtsvollen deutschen Diplomaten in der Schweiz auf den Plan, er stellt die nötigen Papiere und „Persilscheine“ für die junge Braut aus.

Als Herr Dumont du Voitel 1945 an die Ostfront geschickt wird und seine Frau ihm am Bahnhof nachwinkt, weiß er schon, dass der Krieg im Grunde verloren ist. Die Munition ist fast restlos aufgebraucht, es ist kein wirklicher Kampf mehr, nur noch ein Kampf ums eigene Überleben, das Huschen von einem Erdloch ins nächste, die Hoffnung die nächste Flut aus Bomben zu überstehen. Ein endlos scheinendes Warten auf das Ende.

Das kommt schließlich plötzlich: Mit einem Schlag setzt eine ohrenbetäubende Stille dem Donnerhagel der Maschinen ein Ende - der Krieg ist vorbei.
Doch die nun nahende russische Gefangen-schaft ist kein großer Lichtblick. Zehn Tage marschiert er mit den anderen Überlebenden in Gefangenschaft, bevor er an Diphtherie erkrankt. Sich in einer Felsspalte zu verstecken, um unentdeckt zu bleiben, bis die Soldaten vorbeigezogen sind, sieht er als seine einzige Überlebenschance. Irgendwann ist endlich niemand mehr zu sehen, was für den nach Atem ringenden, gebrochenen Mann wie man meinen könnte, den Anfang des wiederum zehntägigen Rückweges bedeutet. Doch er ist stark, er beißt die Zähne zusammen und steht auch den Rückmarsch durch. In Bremen angekommen, sucht er als erstes einen Arzt auf. „Sie haben noch drei Tage zu leben. Genießen sie diese Zeit“, erklärt dieser ihm. Als er am vierten Tag noch immer lebt, ist die Verwunderung des Doktors groß. Sobald er sich dazu im Stande sieht, setzt der inzwischen 29-jährige seinen Weg nach Hause fort, nach Hause zu seiner Frau.

Endlich angekommen, bricht er in der Haustür erschöpft zusammen. Drei Monate lang schafft er es nicht, sich zu rühren, er ist gelähmt, doch nach dieser langen Bettruhe gelingt es ihm sogar ohne ärztliche Hilfe die Krankheit zu überwinden.
Dem studierten Musikkritiker fehlen in der Nachkriegszeit die Grundlagen, seinen Beruf auszuüben. „Eine Zeitung enthielt ja kaum mehr als drei Seiten, auf denen die aktuellen Lebens-mittelrationen vermerkt wurden!“, erinnert er sich.

Also schafft er selbst Grundlagen seiner Arbeit: Er beginnt seine Karriere, die ihn zu ARD und ZDF, schließlich als Medienbeauftragten nach Brüssel bringt, als Konzertsänger. Er zielt mit seinen kulturell-belehrenden Programmen vor allem darauf, der Bevölkerung Mut zu machen und Durchhaltevermögen zu geben in dieser dunklen Zeit unter fremder Besatzung, ohne funktionierendem Staatswesen, in Not und Elend. Kultur als Stütze gewissermaßen. Er will dazu beitragen, dass ein neues Deutschland geschaffen wird, eines, dass seine Verantwortung in der Mitte der europäischen Völkergemeinschaft wahrnehmen kann. Bis heute ist er deshalb engagiertes Mitglied und Ehrenvorsitzender der Europa Union.

Obwohl jede Sekunde seinen Tod hätte bedeuten können, hat er nie daran gezweifelt zurückzukehren; es war diese Gewissheit die ihn immer am Leben gehalten hat und die er nun eindrucksvoll und beispielhaft weiterzugeben vermag.

Jasmin Pillich und Ulrike Michael, Klasse 9b

Von Rudolf Dumont du Voitel sind erschienen: Diese Zeit war unser Leben. Gedichte und Gedanken (Helmut Preußler Verlag, Nürnberg 1991) / 90 Jahre Herzklopfen. Biographische Notizen 196-2006 (ddv-Verlag, Heidelberg 2006).