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Von Holzköpfen und Kleiderschränken zum Verirren
Die Exkursion des Deutschkurses 1d1 hinter die Kulissen des Nürnberger Opernhauses

So sehnsuchtsvoll haben wir sicher noch nie auf den Beginn einer Exkursion gewartet wie auf die heutige: Der Winter war wieder mit voller Kraft zurückgekommen und der Deutschkurs 1d1 von Frau Gehrsitz stand frierend vor dem Nürnberger Opernhaus.
Nach unserem Besuch der Inszenierung von Schillers "Maria Stuart" durften wir heute erfahren, wie es hinter den Kulissen des Opernhauses aussieht. Pünktlich um 8:30 Uhr öffnet uns Theaterpädagogin Gudrun Bär die Tür ins geheizte Opernhaus.
Die Führung beginnt mit einem Sitzkreis im Foyer und mit der auf den ersten Blick überraschenden Frage, wie wir hießen, ob wir schon einmal eine Oper in Nürnberg gesehen hätten, und welche Hobbys wir haben.
Die nächste Frage bezog sich schon auf die Oper: Was braucht man für eine Inszenierung? Der Kurs nennt einige Punkte wie Darsteller, eine Bühne oder Techniker.
Und dann geht es endlich los: Die erste Station der Führung sind die Zuschauerränge, wie sie jeder Opernbesucher kennt. Dennoch sieht es heute anders aus: Der Orchestergraben fehlt. Frau Bär erklärt, er sei nach oben gefahren worden, weil heute geprobt werde und man den Platz brauche. Sie erzählt weiter: Das Opernhaus wurde zwischen 1903 und 1905 nach Plänen von Heinrich Seeling, der auch das Brecht-Theater in Berlin entwarf, erbaut. Mit drei Rängen und dem Parkett fasst der Saal 1030 Zuschauer, früher gab es vier Ränge. Die vierten Ränge, die sog. „Holzränge“ waren für die Arbeiterschicht gedacht und verfügten sogar über separate Ein- und Ausgänge, um das gemeine Volk von den Wohlhabenden zu trennen.
Doch der Kurs interessiert sich viel mehr für die Arbeiter auf der Bühne, die weiß bespannte Rahmen aufbauen. „Probenkulissen“, sagt Frau Bär. Sie werden gebraucht, weil man noch nicht mit den echten Kulissen probt, die Darsteller sich aber auf die Bühnengröße einstellen müssen.
Das können wir uns genauer anschauen, denn es geht zu unserer zweiten Station, der Bühne.
Vom hinteren Bühnenrand aus ist der Zuschauerraum, in dem wir vorher noch standen, nur noch durch einen vergleichsweise kleinen Bogen in einer riesigen schwarzen Wand zu sehen.
Daneben hängen diverse Scheinwerfer und einige Moving Heads (kopfbewegte Scheinwerfer; häufig als Effektlicht eingesetzt). Die Bühne ist 19 Meter tief und 24 Meter hoch. Die Höhe stammt noch aus Zeiten, in denen gemalte Kulissen von oben auf die Bühne gelassen wurden. Darunter gibt es noch eine Etage mit 6 Metern Tiefe. Von dort aus können Darsteller über Aufzüge und Öffnungen im Bühnenboden auf die Bühne gelangen. Hinter uns steht ein Metallgerüst. Frau Bär erzählt, dass es im neuen Musical „Sweet Charity“ als Podest für das Orchester verwendet werde.
Wir machen uns zur Schneiderei. Bei einem kurzen Zwischenstopp erklärt Frau Bär uns einige Details dazu: Es wird streng in Herren- und Damenschneiderei getrennt. Früher waren es sogar zwei unterschiedliche Ausbildungsrichtungen. Auch die Kleidung wird getrennt gelagert. Und bei 30 Neuinszenierungen pro Jahr kommt Einiges zusammen: Der Fundus des Staatstheaters Nürnberg erstreckt sich auf zweimal "sechs große Räume", wie Frau Bär sagt.
Aber zuerst die Schneiderei. Auch hier wird fleißig gearbeitet: Ein Schneider ändert ein Sakko für "Sweet Charity", weil der Gastdarsteller eine andere Größe als der reguläre Schauspieler braucht.
Weiter geht's in den Fundus. Wir wollen uns einen der sechs Räume anschauen, in denen Damenkostüme gelagert werden. Helle Freude unter den Mädchen: ein begehbarer Kleiderschrank mit Klamotten ohne Ende!
Doch was uns hinter der Türe erwartet, verschlägt selbst ihnen die Sprache: Auf etwa 400 Quadratmetern hängen Kostüme so weit das Auge reicht. Die Kostüme auf der linken Seite sind nach Stücken geordnet, die auf der rechten Seite stammen aus abgesetzten Produktionen, erklärt uns Frau Bär. Sie sind nach geschichtlicher Epoche und Farbe sortiert. Und, wie gesagt, dies ist nur ein Raum von sechs.
Als letzte Station gehen wir in die Maskenbildnerei. Leider ist hier niemand bei der Arbeit. Frau Bär zeigt uns trotzdem, wie die Herstellung funktioniert: Auf einem Holzkopf, der exakt dem Kopf des Schauspielers entspricht, werden echte Menschenhaare in ein feines Netz geknüpft. Die Haare stammen aus fernöstlichen Ländern, in denen Frauen ihre Haare verkaufen. Vor der Verarbeitung werden die Haare natürlich mehrmals gewaschen und zum Teil gefärbt. Anschließend werden die Perücken noch frisiert. Alles in allem, sagt Frau Bär, arbeiten die Maskenbildner an jeder etwa eine Woche.
Wir sind wieder zurück im Foyer. "Wie viele Menschen, glaubt ihr, arbeiten eigentlich hier?", will Frau Bär wissen. Nach einigen Schätzungen erklärt sie uns, dass etwa 550 Menschen aus 30 verschiedenen Ländern im Staatstheater arbeiten. Es ist also kein Wunder, dass man sich auf Englisch unterhält. Allein das Ballett bestehe aus 20 Tänzerinnen und Tänzern aus zehn verschiedenen Ländern. Sie erzählt uns auch, dass die Schauspieler vor jeder Neuinszenierung vier bis sechs Wochen vor der Premiere beginnen, mit dem Regisseur zu proben. Dieser verlässt das Opernhaus danach wieder, um anderswo ein Stück zu inszenieren.
Zum Schluss gibt Frau Bär noch jedem Interessierten ein Heft über das Theater mit. Dann entlässt sie uns wieder. Zurück in die Kälte.

Christoph Wiedmer, Q11